EX-IN-Philosophie

„Wenn Du nicht 1000 Meilen in den Mokassins des Anderen gegangen bist, hast Du kein Recht, über ihn zu urteilen.“
(Weisheit aus Nordamerika)

Die Abkürzung EX-IN stammt aus dem Englischen und steht für Experienced Involvement – die Einbeziehung des Expertenwissens aus Erfahrungen (Erfahrungsprofis oder EX-IN’ler) in die Versorgung und Behandlung von psychisch Erkrankten. Experten aus Erfahrung sind Menschen, die seelische Krisen bereits durchlebt haben und damit das Gefühl von Verzweiflung, Verlust, Hoffnungslosigkeit und von emotionalem Schmerz kennen.

Auch wenn jede seelische Krisenerschütterung einzigartig ist, so eint doch alle Krisen, dass man sich aus einem tiefen Tal der Verzweiflung wieder hoch kämpfen musste und die Erfahrung, wie schwer es war wieder auf die eigenen Beine zu kommen, neue Hoffnung zu schöpfen und das Leben neu anzugehen.

Menschen, die diesen Genesungsweg bereits hinter sich haben, können damit anderen Menschen eine Hoffnung sein und Zuversicht vermitteln. Die geteilten Erfahrungen ermöglichen ein empathisches, aktives Verstehen und lösen nicht selten ein Gefühl von Verbundenheit und Vertrauen aus. Das macht die Genesungsbegleitung so authentisch.

Der EX-IN Ansatz greift nicht auf die klassischen medizinischen Behandlungsmodelle mit ihren Diagnosen zurück, sondern auf das Erfahrungswissen der Betroffenen und die Einsicht, dass Genesungsbegleitung etwas höchst Individuelles ist und sich von Mensch zu Mensch unterscheidet.

Neben der Vermittlung von Respekt und Hoffnung ist die andauernde Verständigung darüber, was hilfreich ist deshalb im Genesungsprozess zentral: Im gemeinsamen Gespräch wird immer wieder neu erarbeitet, was in der aktuellen Situation als unterstützend und hilfreich empfunden wird.

Ein wesentliches Merkmal der Genesungsbegleitung ist hierbei die Zeit. EX-IN’ler lassen ihrem Gegenüber so viel Zeit und Raum, wie es für seinen jeweiligen individuellen Genesungsprozess braucht. Genesung sollte dabei nicht mit Heilung verwechselt werden, da sie viel mehr einschließt als nur die Abwesenheit von Erkrankung – soziales Eingebundensein, allgemeines körperliches Wohlbefinden und seelisches Gleichgewicht tragen ebenfalls zentral zur Genesung bei.

EX-IN’ler denken somit über die Kategorien von Krankheit und Symptomen hinaus, indem sie die Vorstellungen über seelische Erschütterungen erweitern und die jeweilige Person in ihrem So-Sein annehmen.

Ungewöhnliches Verhalten wird nicht nur als Krankheitssymptom gewertet, sondern als eine Form der Lebensäußerung. Experten aus Erfahrung gehen davon aus, dass ihre Krisen einen Sinn hatten: Den Sinn beispielsweise, mehr auf seine Grenzen zu achten, über geteilte Erfahrungen zu sprechen, achtsamer mit sich umzugehen, zu lernen nicht zu viel in sich hinein zu fressen und vieles vieles mehr.

Insofern gilt es beim Genesungsprozess diese Lernfelder für sich zu entdecken und zu erforschen. Hier kann ein EX-IN’ler aufgrund seiner Erfahrung wichtige Impulse geben.